Zu(g)fälle

Erkenntnis des Tages: Das Leben schreibt nicht nur lustige Geschichten.

Ich muss Sie warnen! Wenn Sie grade in einer depressiven Phase stecken, dann lesen Sie bitte nicht weiter. Wenn Sie zu denjenigen gehören, die- so wie ich übrigens auch- nah am Wasser gebaut sind dann legen Sie schon mal ein paar Taschentücher bereit. Denn:

Erkenntnis des Tages: Das Leben schreibt nicht nur lustige Geschichten.

Es ist Samstag. Auf dem Weg zum Bahnhof überlege ich, welche Bezeichnung für den heutigen Tag besser passt: Ist das nun „ein goldener Herbsttag" oder „ein herrlicher Spätsommertag"!? Ich entscheide mich für „ein herrlich goldener Herbsttag im Spätsommer". Heute spielt mir das Schicksal einen Platz neben einer alten Dame zu. Als ich einsteige sitzt sie bereits auf meinem Platz. Der hier neben sei eigentlich ihrer- aber sie würde so gerne aus dem Fenster schauen- ob es mir etwas ausmacht, zu tauschen. „Nein, quatsch, bleiben Sie ruhig sitzen" sage ich, verstaue meinen Koffer über unseren Köpfen und setze mich. Meine Nachbarin schaut dann auch wirklich die ganze Zeit aus dem Fenster. An dem leichten Stöhnen, dass sie beim Atmen von sich gibt, meine ich zu erkennen dass sie weint. „Alles okay bei Ihnen?" frage ich vorsichtig. Sie zuckt zusammen. Offenbar war sie mit ihren Gedanken grade ganz weit weg. „Ja, danke" sagt sie und wendet sich wieder ab. Offenbar möchte sie ihre Gedanken nicht teilen- und ich will sie nicht drängen. Es vergeht über eine Stunde in der ich mich mehr als unwohl fühle auf meinem Platz. Der alten Dame geht es offenbar nicht gut- und ich fühle mich hilflos. So sehr, dass ich irgendwann beschließe in den Speisewagen umzuziehen- zumindest für eine Weile! Ich stehe auf- und erschrecke die arme Frau damit schon wieder zu Tode. „Oh, Entschuldigung" sage ich, „ich wollte Sie nicht erschrecken! Ich geh nur mal eben in den Speisewagen- soll ich Ihnen was mitbringen? Vielleicht ein Wasser oder einen Tee?" „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich mitkommen!" ist die überraschende Antwort. „Na klar" sage ich und kurze Zeit später sitzen wir auf einer halbmondförmigen Bank und trinken Tee. „Ihnen geht's nicht so gut, oder?" frage ich. Sie tut mir leid. Obwohl sie groß gewachsen und gut gekleidet ist, sieht sie aus wie ein Häufchen Elend. Sie ist sehr blass, die Haut wirkt ganz dünn und fast durchsichtig. „Sieht man mir das an?" fragt sie. „Ja!" entgegne ich mit einem freundlichen Lächeln. „Ach Kind, das würden sie sicher nicht verstehen. Sie sind zu jung- und Sie haben sicher ihre eigenen Sorgen". „Naja- aber manchmal hilft es ja drüber zu sprechen!" erwidere ich. „Wollen Sie sich das wirklich anhören?" fragt sie. „Ja." sage ich. „Es sei denn, sie wollen es mir nicht erzählen". „Doch" sagt sie. Und das was dann kommt ist eine wirklich traurige Geschichte.

„Wissen Sie, ich bin jetzt 82. Ich habe miterlebt wie meine Brüder und mein Vater in den Krieg gehen mussten und ich habe meine Mutter beten und weinen sehen, wenn einer von Ihnen gefallen ist. Und sie sind gefallen. Einer nach dem anderen. Vier Brüder und mein Vater. Alle tot. Anfang der 50er habe ich dann meinen Mann kennen gelernt. Damals war ich 22 und alle in unserem Dorf waren froh, dass ich endlich unter der Haube bin. Wir haben noch im selben Jahr geheiratet. Richard war zwei Jahre älter als ich und aus gutem Haus. Schon seine Großeltern hatten mit der Zucht von speziellen Rindern ein Vermögen gemacht und Richard war mit Leib und Seele dabei das Unternehmen weiterzuführen." Sie schaut auf ihre dünnen Finger, die die Teetasse umfassen. Dann wieder zu mir: „Ich heiße übrigens Irmgard." „Irmgard und Richard" sage ich mit einem Lächeln. „Das passt ja!". „Ja", sie lächelt. Das erste Mal seid wir uns begegnet sind. „Wir haben perfekt zusammen gepasst. Wir haben zusammen die Welt bereist, tolle Menschen aus den verschiedensten Nationen kennen gelernt- wir waren immer zusammen." „Und dann?" frage ich vorsichtig. „Ist Richard gestorben. Das war vor 2 Wochen. Er lag morgens einfach tot in seinem Bett. Herzinfarkt." „Das tut mir leid", sage ich und muss schlucken. Irmgard hat jetzt Tränen in den Augen. „Wissen Sie, man weiß ja, dass dieser Moment kommt. Aber ich war trotzdem nicht vorbereitet. Am Abend zuvor haben Richard und ich beschlossen, gemeinsam nach Hamburg zu fahren. Dort waren wir damals auf unserer Hochzeitsreise. Morgen vor 60 Jahren haben wir geheiratet... Wir wollten noch einmal eine Alsterrundfahrt machen und zusammen über die verruchte Meile gehen." „Reeperbahn" werfe ich ein. „Ja" sagt sie „und wir wollten uns ein Zimmer im besten Hotel am Platz nehmen". „Und wo fahren Sie jetzt hin?" frage ich. „Zu seiner Beerdigung. Er wird in unserem Heimatdorf in der Nähe von München beigesetzt." Irmgard kramt in ihrer Tasche und holt ein Photo in einem alten Bilderrahmen heraus. Das Hochzeitsphoto. „Sie sahen wunderschön aus", sage ich „und verdammt glücklich". Sie streichelt das Bild. „Ach mein Richard, mein lieber Richard." Die Tränen laufen ihr die Wangen herunter. Ich will irgendetwas sagen, dass sie tröstet, irgendetwas, das Hoffnung gibt. Aber mir fällt einfach nichts ein. Ich lege meine Hand auf ihren Unterarm und wir betrachten beide schweigend das schwarz- weiße Hochzeitsphoto. „Ich wünschte, der liebe Gott hätte mich zuerst geholt" sagt Irmgard nach einer Weile. Ohne meinen Richard will ich hier gar nicht mehr sein". „Sagen Sie so was doch nicht!" entgegne ich, auch wenn ich den Gedanken gut verstehe. „Haben Sie Kinder?" frage ich. „Nein, wir haben es versucht- aber es hat nicht funktioniert. Mich würde hier keiner vermissen- falls Sie darauf hinaus wollen." „Das kann ich mir nicht vorstellen!", ich schaue sie ungläubig an. „Nein, ich habe niemanden. Richard und ich haben sehr zurückgezogen gelebt. Wir wollten niemanden. Wir haben auch niemanden gebraucht- wir hatten ja uns!". „Aber das Leben geht für Sie weiter, Irmgard!" sage ich. „Nein, Kindchen. Für mich geht nur noch mein Dasein weiter." Ich schaue betroffen. „Aber ist es nicht doof, dass Sie dann so weit weg von seinem Grab sind? Hätten Sie ihn nicht dort beerdigen können, wo sie im Moment leben?" „Es war sein Wunsch auf diesem Friedhof beigesetzt zu werden. Dort stehen viele Kastanienbäume wissen Sie. Als Kind saß Richard immer im Baum und hat Kastanien auf die Friedhofsbesucher geworfen. Er dachte er kann sie damit aufmuntern." Ich grinse „War wohl ein ganz schöner Schelm..." „Oh ja! Immer wenn wir an einer Kastanie vorbei gekommen sind, hat er die Geschichte erzählt. Ihre Augen blitzen beim Gedanken an die vergangen, glücklichen Tage zu zweit. „Wissen Sie, was ich machen würde?" frage ich. „Pflanzen Sie doch bei sich im Garten eine Kastanie!" Der Gedanke scheint ihr zu gefallen. „Meinen Sie? Richard meinte immer die macht zu viel Dreck." Ich finde meinen Plan super. Ich habe das Gefühl dieser alten Frau einen neuen Lebenssinn geben zu müssen. „Und meinen Sie, irgendwann spielen dann Kinder in meinem Baum?". „Klar, sage ich." Irmgard guckt mich mit leuchtenden Augen an. „Danke" sagt sie. „ich werde keinen Baum pflanzen- aber ich werde mir von Ihrem Lebensmut eine Scheibe abschneiden."

Wir gehen zurück zu unseren Plätzen und sitzen den Rest der Fahrt schweigend nebeneinander. Aber ich fühle mich nicht mehr fehl am Platz neben Irmgard. Im Gegenteil- Irmgard lächelt jetzt ein wenig. Und ein bisschen habe ich das Gefühl, dass Richard an diesem herrlich goldenen Herbsttag im Spätsommer in unserem Wagen mitfährt und seine Irmgard schelmisch grinsend von hinten mit Kastanien bewirft.

Kommentare   

 
0 #16 Sebbl 2012-04-27 16:22
Helfen zu wollen, aber nicht wissen wie, ist das Schlimmste was es gibt! Wobei eine Umarmung oft schon sehr hilft.
Für einen alten Menschen ist es sicher schwer noch irgenwo Lebensmut zu schöpfen, wenn um einen herum, Alle sterben, mit denen man sich Jahre lang abgegeben hat oder die man geliebt.
Ich
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0 #15 Andreas Frank 2012-04-27 16:22
Eine sehr traurige Geschichte ist das, wenn man vor alllen dingen ein leiben Menschen verleiren tut, ist es immer sehr schleim.
Und es ist auch schön das , auch wenn man den Mensch jetzt nich kennen tut , ein neuen Lebenswillen zu geben.
Das ist wieder eine tolle Bahnreise mit dir.
Mach weiter so
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0 #14 Katja vom Haus am See 2012-04-27 16:21
Auch wenn ich Pippi in den Augen habe hast du meine Pause wieder einmal versüsst. Danke dafür :)
Schreib ein Buch... Ich bin jetzt schon Fan :D Deine Art zu schreiben
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0 #13 Wolfgang Brandmeier 2012-04-27 16:21
ps. zu meiner story noch das lied ....

http://www.youtube.com/watch?v=hZFl5a9KjIE&hl=de
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0 #12 Wolfgang Brandmeier 2012-04-27 16:21
hallo mimi ....
.... ja, genauso herzlich habe ich dich in unserer kurzen kennenlernphse wahrgenommen .... finde es klasse wie du der alten dame von deiner positiven art etwas leben einhauchen konntest !!!
menschen wie dich gibt es leider viel zu wenige auf unserem planeten ... viele ziehen ihr eigenes ding durch ohne nach links oder rechts zu schauen :-((

habe hier mal noch ne kleine story, aber ist "nur" ne tiergeschichte:

.... wir mußten unsere geliebte hündin nach ihrem krebsleiden leider "befreien" .... so mußte auch ihr bruder leider sterben ....

.... wenn du möchtest kannst du dir die 2 geschichten mal unter dem angehängten link durchlesen .... sind zwar "nur" tiere, für meine frau und mich waren es aber fast wie kinder .... es ist wirklich so, hätte nie gedacht daß man so eine extreme beziehng zu einem tier aufbauen kann !!

http://www.fotocommunity.de/pc/pc/mypics/557615/display/18677649
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0 #11 Karl Kolumna 2012-04-27 16:20
Danke für diese ergreifende Geschichte. Ich habe sie mit Tränen in den Augen gelesen. Im Zug.
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0 #10 manu 2012-04-27 16:20
Hallo Mimi,

ich gehöre auch zur Kategorie zu nah am Wasser gebaut udn zu depressiv.

Deine Geschichte ist wirklich so schön und doch erfüllt sie meine augen mit Tränen. Ja so wie es Irmgard geht,ergeht es wahrscheinlich vielen und dann ist es gut, das es noch solche menschen wie dich gibt, die einfah nur da sind! Das ist manchmal besser, wenn man einfach nur zuhört, als wenn man irgendne Grütze labert.

LIebe Miri, hab Dank dafür :-)
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0 #9 Kristin 2012-04-27 16:20
Mir fehlen jetzt irgendwie die Worte...
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0 #8 Hendrik 2012-04-27 16:19
Besonders bemerkenswert finde ich die Erkenntnis, dass man manchmal einfach nichts sagen kann oder sollte und für einen Menschen einfach nur anwesend sein, um ihm gut zu tun.

Das führt oft zu Unwohlsein bei Menschen, die doch eigentlich so gerne "aktiv" helfen wollen.

Du beschreibst sehr schön, welchen Erfolg es hat, wenn man das einfach mal aushält und "nur" da ist.

Keine lustige aber eine sehr schöne Geschichte. Und aus meiner Sicht auch keineswegs nur traurig.
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0 #7 Cindy 2012-04-27 16:19
Hey Mimi,
muss sagen eine sehr schöne und ergreifende Geschichte...
Es ist echt traurig das man alleine gelassen wird,allerdings auf eine Weise für die Niemand was kann...

Echt Menschen die nah am Wassergebaut sind(Ich) und das Lesen, die brauchen echt Taschentücher...
Es ist Unglaublich wie wahre Liebe einen Menschen so Traurig machen kann, wo früher nur das Glück schien!...
Aber irgendwann ist glaub ich jeder an dem Punkt an dem er Menschen gehen lassen muss, umso trauriger ist, dass dies so unverhofft über Nacht passierte...

lg Cindy
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