Zu(g)fälle

Erkenntnis des Tages: Kindermund tut… Lustiges kund!

Es war ruhig in letzter Zeit, aber dass diese Bahnfahrt lustig werden könnte, das ahne ich schon in dem Moment in dem ich sehe, wer da bereits an dem vierer Tisch sitzt, an dem nur noch ein Platz frei ist, meiner.

Die handelnden Personen: Eine Oma und ihre beiden Enkel auf dem Rückweg aus den Herbstferien. Die Oma, vermutlich um die 60, ist schlank, modisch gekleidet, mit einer Zahnlücke recht weit hinten auf der rechten Seite, die man nur sieht, wenn sie lacht. Ausgestattet ist sie mit allem, was so ein Kind auf einer langen Bahnfahrt gebrauchen könnte. Die Kids, ein etwa vier Jahre alter Junge namens Nick und seine 6 Jahre alte Schwester, Laura. Der Tisch, den die drei umranken, ist übersäht mit Beschäftigungsutensilien und Fressalien. „Na dann mal los" denke ich, bereit, Teil dieses Kindergeburtstags zu werden. „Darf ich mich zu Euch setzen?" frage ich und schaue Nick und Laura an. Keine Reaktion. Nick ist in seinen Nintendo DS vertieft und Laura versucht offenbar, ihren wackelnden Schneidezahn komplett los zu werden, in dem sie sich unter höchster Konzentration einen Kaugummi daran klebt um diesen dann langzuziehen. Das Vorhaben gelingt nicht und ich beschließe, ihr zeitnah den Tipp zu geben, ihren Wackelzahn mit einer Schnur mit einem ferngesteuerten Auto zu verbinden und das dann mit Vollgas los fahren zu lassen. Das funktioniert- hab ich mal im Fernsehen gesehen!

Inzwischen hat mich die Oma der beiden bemerkt und versucht zunächst verbal Nick darauf hinzuweisen, dass er, Zitat: „Die Frau da", also mich, auf meinen Platz lassen soll. Keine Reaktion. Nick starrt in seinen Nintendo und erinnert mich an meine Gameboyzeit. Ich weiß noch, dass meine Eltern gar nicht begeistert waren, als sie uns für die Schönheit der Everglades in Florida begeistern wollten, meine Schwester und ich auf der Rückbank unseres Mietwagens jedoch deutlich mehr Interesse an den Abenteuern von Super Mario hatten. Die Oma geht jetzt dazu über, Nick an der Schulter zu rütteln. Dafür muss sie sich allerdings über den Tisch beugen. Bei der Gelegenheit räumt sie selbigen ab. Die Beschäftigungsutensilien am äußeren Tischrand fallen krachend zu Boden. Ich hebe zwei Bücher und die Sammlung der „Würfelspiele für Unterwegs" auf und Nick quittiert das mit einem vorwurfsvollen Blick nach dem Motto „Was macht die mit meinen Sachen". Egal, ich nutze den Bruchteil der Sekunde, in dem ich seine Aufmerksamkeit habe und schaffe es endlich auf meinen Platz. Laura ist noch immer mit ihrem Zahn beschäftigt. Um dem Kind zu helfen, erzähle ich ihr von der „Wackel-Milchzahn-Zieh-Methode" die ich im Fernsehen gesehen habe. Laura ist schwer begeistert von dieser Aussicht, ihren Zahn bald loszuwerden. Die Oma nicht. Zumindest schaut sie mich völlig entsetzt an. Egal- Laura hat mich offenbar als neue Freundin und als Ratgeberin in Lebensfragen akzeptiert. „Wollen wir malen?" fragt sie und legt mir ein leeres Blatt vor die Nase. Also genau genommen liegt das Blatt auf einem Stapel Süßigkeiten und ich frage mich ob die jetzt auch mir gehören. Tun Sie nicht- dafür sorgt Nick neben mir. Blitzschnell sammelt er alles ein was auf meiner Tischfläche liegt.

„Hast Du auch Stifte?" frage ich Laura, die schon wieder an ihrem Zahn hängt. „Oma, Stifte!" sagt sie jetzt, den Finger noch immer im Mund. Oma gehorcht und fördert aus einem der beiden Kinderrucksäcke ein Mäppchen heraus und legt es zwischen uns. Ein altes Schlampermäppchen aus Leder. Sie wissen schon, diese Mäppchen, die wir zu Schulzeiten immer vollgekritzelt haben. Auch dieses Exemplar ist vollgekritzelt. Mit einem Spruch, der beinahe dafür sorgt, dass ich laut lospruste. Auf dem Mäppchen der sechsjährigen Laura steht: „Kiffen macht gleichgültig. Mir doch egal!" Ich sage nichts, aber innerlich zerreißt es mich vor Lachen. Offenbar ist dieses Mäppchen ein Erbstück ihrer Mutter. Zumindest steht innen drin: „gehört Ilona M.". Laura und ich malen also. Sie malt mich (was ich bei der Ankündigung als großes Kompliment empfinde, bei Betrachtung des Resultats nicht mehr) und ich male ein Pferd. Oder zumindest ein Etwas mit vier Beinen auf einer Wiese. Unterdessen kommt die Oma mit Nick ins Gespräch. Der hat inzwischen seinen Nintendo weg gelegt und spielt mit diesen Autos, die man aufziehen kann, damit sie ein Stück alleine fahren. Sehr sinnvoll, wenn die Straße- in dem Fall der Tisch- doch eher kurz ist, erst recht wenn man die Quer- und nicht die Längsseite nutzt. Das Spiel ist also Folgendes: Nick schießt ein Auto über den Tisch auf den Mittelgang vom Zug und die Oma hebt es wieder auf. Nach mehreren „Nick, bitte!" und „Nick, lass das" Aufforderungen wendet sie einen, wie ich finde pädagogisch sinnvollen Trick an. Ablenkung. „Was wünschst Du Dir eigentlich zum Geburtstag" fragt sie. Damit hat sie sofort die Aufmerksamkeit des Kleinen. „Ich wünsch mir was von Hello Kitty" sagt Nick. Ich muss schmunzeln. „Aber Nick, das ist doch was für Mädchen. Willst Du nichts für Jungs?" Nick denkt. Um mich dann an den Rand eines weiteren innerlichen Lachkrampfs zu katapultieren. „Hm. Dann eben was von Barbie". Ich kann nicht mehr. In meinen Augen sammeln sich Tränen und ich merke, dass ich knallrot werde. Die Oma schüttelt besorgt den Kopf. Weniger wegen meiner Gesichtsfarbe als wegen der Wünsche ihres Enkels. „Was sollen denn da die Leute denken" sagt sie vorwurfsvoll zu Nick. Den folgenden Gedanken spreche ich – schweren Herzens- nicht laut aus: „Naja, dass die sechs jährige Enkeltochter kifft und der vierjährige Enkel schwul ist...", immer noch in mich rein lachend verkrieche ich mich unter meinen Kopfhörern und verpasse fast das Highlight dieser Bahnreise. Laura singt:

Fritzchen wollte Badengehen duddaduda

und sich das Meer ansehen dudaduda

doch da kam ein schwuler Hammerhai dudaduda

und biss ihm dann ins linke Ei dudaduda

Fritzchen musst ins Krankenhaus dudaduda

da nahm ihm beide Eier raus dudaddua

Friztchen bekamm nen Gummisack dudaduda

damit er was zu fummeln hat dudadudadei

Jetzt lacht das ganze Abteil. Allen voran: Ich. Ich muss diesen Reim unbedingt sofort aufschreiben und bitte Laura ihn zu wiederholen. Laura freut sich. Und die Oma wünscht sich neue Enkel. Oder zumindest jemand anderen auf meinem Platz.

Kommentare   

 
0 #20 Chrissy 2012-05-14 11:12
Hallo Miri,
ich mag es wieder du erzählst und auch schreibst. Man hat danach immer ein Lächeln auf den Lippen. Die Geschichte ist auch wirklich lustig. Wer kennt solche Zugfahrten nicht, hihi.
Kinder, Kinder.... :)
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0 #19 Andreas 2012-04-27 16:16
Sehr super geschreiben, macht jedes mal spass die , Bahnfahrten mit dir. Freu mich schon auf die neue Geschichte.
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+2 #18 Heino 2012-04-27 16:16
Der Heino muss doch auch ein kommi zu dieser Geschichte hinterlassen. Miri.. Wie immer hast Du es geschaft mir ein grinsen aufs Gesicht zu zaubern.. Und der Sonntag ist schonmal gerettet.. Ich werde Deine Seite/Blog im Facebook teilen oder verlinken oder so.. :-) Von dem Blog und den Geschichten müssen unbedingt mehr Leute erfahren.
Knuddler zu Dir und noch ein schönen Sonntag gewünscht.
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0 #17 Chasy 2012-04-27 16:16
Ein sehr schoener EIntrag, ich habe mich herrlichst amuesiert.
Und ja, Bahnfahren ist wirklich was tolles. Ich denke, die Oma wird es sich ueberlegen, ob sie nochmals allein mit ihren herzallerliebst en Enkeln irgendwo hinfaehrt. :D
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0 #16 Nicole 2012-04-27 16:15
Hey, du solltest unbedingt mehr Bahn fahren. Ich würde echt gerne mehr Bahngeschichten von dir lesen =)
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0 #15 Julia aus halle 2012-04-27 16:15
Sehr lustig, toll geschrieben...m an sieht also, wer mit der Bahn fährt erlebt auch mal was tolles!
Kinder sind schon herrlich...mein kleiner Sohn fand heute früh eine Unterhose (aus der Kita, was ich erst später rausfand) in seinem U-Hosenfach, meinte die gehört seinem bruder, dem gehörte sie auch nicht...da meinte ich zum Kleinen: Doch, das ist deine! Er: nein, mama, so einen großen Popo hab ich nicht, meiner ist ganz klein! - ich schaute aufs Größenschild und sah den Eintra KITA - also war es ein Wechselschlüppi vom letzten malheur!
Achja, und der Kleine (4) hat letztens festgestellt, Autos haben auch Geburtstag, zudem gibt es Malkäfer, die regalbretter anmalen und naschmäuse, die Bonbonpapier hinterm bett bunkern! - der total normale Kinder-Wahnsinn !
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0 #14 Claudi W 2012-04-27 16:15
Heeeeeerrliiiii ich !!!!!!!!!!!!!!! !!! :-D Biite mehr davon!!!!!! Hab jetzt ein Dauergrinsen bis zum Feierabend :-D
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0 #13 Marie 2012-04-27 16:15
geil, geil, geil...die jugend von heute ;-) und das lied muss ich mir einfach merken!!!

bitte mehr davon!!! :-*
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0 #12 Jaaaaana 2012-04-27 16:14
Ne kiffende Tochter und einen schwulen Sohn?! Es gibt Slimmeres, ne saufende Tochter und ein Macho als Sohn;)
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0 #11 Sebbl 2012-04-27 16:14
Huhu ;)
eine sehr lustige Story. Hoffentlich wird mein Neffe (5 Monate) mit seinen 3 Schwestern (5,4,3 Jahre) mal nicht genauso :D
Mein Erkenntnis des Tages zu dieser Geschichte: Ich muss mal wieder Zug fahren ;)

LG und bitte mehr davon!
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