Zu(g)fälle

Erkenntnis des Tages: Erinnere Dich!

Freitagabend, ich bin im Zug nach Frankfurt- abgekämpft von der Woche, müde und einigermaßen schlecht gelaunt. Ich falle- bepackt als wolle ich auswandern- auf Platz 92 in Wagen 27 und bin dankbar, endlich zu sitzen.
Neben mir ein junges Mädchen, 19 ist sie wie sich später herausstellt, brünett mit großen, freundlichen Augen. Ich nehme mir das Buch, das ich heute früh noch schnell in die Handtasche geworfen habe und lese. „Der Geschmack von Apfelkernen“ von Katharina Hagena. Theoretisch könnte es auch jedes andere Buch sein, denn die Wahl fiel heute Morgen einfach auf ein möglichst dünnes Exemplar. (Eigentlich bin ich inzwischen auf ebooks umgestiegen- das Ladegerät ist aber verschollen und ohne Ladegerät lässt sich das nicht laden und wenn man es nicht lädt, sieht man nix). Ich lese „der Geschmack von Apfelkernen“ bis Seite 23. Der Ehrlichkeit halber sei erwähnt, dass es mit dem eigentlichen Text aber auch erst auf Seite 11 losgeht! Katharina Hagena erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die auf dem Weg zur Beerdigung ihrer Großmutter Bertha ist. Bertha litt an Alzheimer und auf den ersten 12 Seiten meiner Lektüre erinnert sich die Protagonistin an ihre Oma und daran, wie schwer es für sie war mit einem Menschen umzugehen der immer mehr vergisst.
Ich schweife ab und stelle mir vor, wie es wäre wenn jemand der mir nahe steht an Alzheimer erkranken würde. Schrecklich. Was ist wenn der Partner einen nicht mehr erkennt? Oder die Mutter ihr eigenes Kind verjagt, weil sie glaubt es sei ein Einbrecher? Kein schönes Thema. Ich lege mein Buch weg und esse die Ananas, die mir eine Freundin- in kleine Stücke geschnitten und in eine Plastikdose verpackt- mit auf die Reise gegeben hat. Sie hatte mich noch darauf aufmerksam gemacht, dass der Deckel nicht ganz dicht sei- ich denke natürlich nicht daran und schütte mir den klebrigen Saft über die Hand. War ja auch irgendwie absehbar. Die junge Frau zu meiner linken beobachtet das Dilemma und fragt, ob sie mir ein Taschentuch geben soll. Ich nehme es dankend an und wir kommen ins Gespräch.

Wir plaudern über Beziehungen im Allgemeinen und über Fernbeziehungen im Speziellen. Ich erfahre, dass „sie“- wir haben uns leider nicht namentlich vorgestellt, das ist mir aber erst jetzt aufgefallen- gerne raus möchte von zu Hause. Ich stimme ihr zu und berichte aus eigener Erfahrung, dass so eine räumliche Trennung für das „Eltern- Kind- Verhältnis“ nur von Vorteil ist. Unser Gespräch wird immer intensiver: meine Sitznachbarin erzählt von ihrem Bruder und schließlich von ihren Großeltern.
Ihre Oma hat Alzheimer! Ich muss schlucken. Das gibt’s doch nicht! „Oma wird jetzt halt schnell aggressiv“ sagt sie. Und „sie fragt meine kleine Cousine immer, wann sie in die Schule kommt- meine Cousine ist aber inzwischen 10.“ So erzählt sie einige Anekdoten. „Sie will auch immer bei ihrer Mutter zum Kaffee trinken vorbei gehen- die ist aber schon vor 20 Jahren gestorben“. Oder: „Meine andere Oma fragt sie immer, wo denn ihr Mann bleibt- der ist aber auch schon 2 Jahre tot“. Ich habe einen dicken Kloß im Hals und frage: „Das ist für Deinen Opa bestimmt besonders schlimm, oder? Die beiden sind doch sicher schon ewig zusammen!“ Sie bejaht. Letztes Jahr hatten sie goldene Hochzeit.
„Kürzlich ist Oma gestürzt“ erzählt die 19-jährige, „da musste sie ins Krankenhaus und Opa ist am Abend wieder gefahren. Da war sie völlig verzweifelt und meinte, dass das gar nicht sein kann, sie würden Immer zusammen im Bett schlafen. Immer“. „Ist das traurig“ sage ich und muss aufpassen, dass ich nicht anfange zu heulen. Trotz der Dramatik finde ich es irgendwie „romantisch“; alles zu vergessen und doch noch zu wissen wer abends mit ins Bett gehört. „Es kam auch schon vor...“ reißt mich ihre Stimme aus meinen Gedanken, „...dass Oma aus dem Pflegedienst in dem sie drei mal wöchentlich ist abgehauen ist. Dass die da die Türen nicht abschließen!“, empört sie sich. Ich frage wie die Geschichte ausgegangen ist. „sie ist in den Laden gelaufen, der früher Opa und ihr gehörte und den meine Eltern heute noch haben. Den Weg kennt sie noch“.
Ich erfahre, dass die alte Dame noch vieles von dem weiß was lange her ist. Sie kann zum Beispiel an Weihnachten noch alle Lieder auswendig mitsingen. Und manchmal läuft sie zu dem Haus in dem sie vor 40 Jahren gelebt hat- in der festen Überzeugung dort noch zu wohnen. „Ein weiteres Problem, das die Krankheit mit sich bringt ist, dass Oma stark zugenommen hat.“ Fährt sie fort. „Aber klar, sie vergisst eben, dass sie schon gegessen hat“. Wir müssen beide lachen und da erreicht der Zug auch schon den Zielbahnhof meiner sympathischen Gesprächspartnerin. Ich bewundere sie, sie wirkt bei allem was sie erzählt sehr stark. Nicht abgebrüht- eher „tapfer“. Wir verabschieden uns, wünschen uns alles Gute und weg ist sie.

Ich bin nachdenklich. Ich frage mich, wie das wohl für den Betroffenen selbst ist, unter Demenz zu leiden. Ob man das in manch „wachen“ Momenten wohl begreift?
Mein Blick fällt auf mein Buch. „Der Geschmack von Apfelkernen“. Wie es wohl zu diesem Titel kommt? Vielleicht ist der Geschmack von Apfelkernen etwas, an das man sich erinnert, wenn man im Alter beginnt zu vergessen. Ich beschließe das Buch weiter zu lesen und sehe zum ersten Mal das Zitat dem die Autorin die Seite vor dem 1. Kapitel gewidmet hat:

„La mémoire ne nous servirait à rien si elle fût rigoureusement fidéle.“

- "Das Gedächtnis wäre uns zu nichts nütze, wenn es unnachsichtig treu wäre."

Ich lese nicht mehr weiter. Ich lehne meinen Kopf ans Fenster und rufe mir so viele schöne Erlebnisse aus der Vergangenheit in den Kopf wie möglich.
Und in diesem Moment bin ich sehr dankbar. Dankbar, dass ich mich erinnern kann- und nur so unwichtige Dinge wie nicht richtig schließende Deckel auf Plastikschälchen mit Ananas vergesse…

Kommentare   

 
0 #5 Haus am See 2013-04-17 03:44
Wie IMMER wundervoll wie du schreibst.... tolle aber auch sehr bewegende Geschichte
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0 #4 Olli 2013-04-16 17:20
Finde es persönlich auch nicht so gut, wenn man dann so im Alter wird und freue mich momentan auch noch, mich an alles Gute erinnern zu können und das
Teil 2:
Schlechte auch verdrängen zu können.
Hat mich auch mal wieder schön zum nachdenken angeregt :)
Da fühlt man sich auch nach dem Lesen gleich besser und weiss seine aktuelle Situation zu schätzen.

Grüße und weiter so ^^
Olli
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0 #3 Olli 2013-04-16 17:20
Hey-Ho ^^
wieder einmal hast du sehr gut die Emotionen eingefangen und auch sehr schön an den Leser weitergeleitet.

Die Demenz ist aber an sich auch ein sehr schwieriges Thema, was uns ja leider alle befallen kann,
Kenne es auch aus der Familie.

Es geht ja an sich auf eine Beeinträchtigun g des Kurzzeitgedächt nisse mit zurück, die Speicherung in das Langzeitgedächt nis funktioniert nicht mehr und deshalb können alle neuen Informationen nicht mehr gespeichert werden, wie man ja auch an der Geschichte sieht, wo die Oma immer noch dachte, dass das 10 jährige Mädchen erst eingeschult wird, dies Information hatte sich halt nicht mehr verankert.
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+1 #2 chris 2013-04-16 14:17
Die tollste Frau mit der sexy Stimme aus dem Radio, liest und schreibt jetzt Geschichten!!!

.......dahin schmelz...... ;)
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0 #1 Adam 2013-04-16 12:32
Hallo,
sehr bewegend! Auch ich hätte fast geheult!
Ich kenne einen ähnlich tragischen Vorfall aus meinem Bekanntenkreis. Für die Angehörigen ist es nicht leicht damit umzugehen.
Ich finde es gut, wenn man sich ab und zu noch mal bewusst macht, wie gut es einem geht wenn man gesund ist.

Dir weiterhin viel Erfolg!
Adam
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